Vintage-Klassiker
Geschrieben von Glenn Lauritz Andersson & Denis Vasilije, Duftexperten
Trendbeobachtung in der Welt der Düfte unterscheidet sich deutlich von den Zyklen, die bei Haar- und Barttrends entstehen, verschwinden und wiederkehren. Die Entwicklung des Parfums ähnelt vielmehr der Modewelt – mit einer Kombination aus zyklischen Trends und einer schrittweisen Weiterentwicklung, geprägt von gesellschaftlichen Veränderungen und technischen Fortschritten.

Zusammenfassung
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Die Geschichte des Parfums hat sich über Jahrhunderte entwickelt – von natürlichen Blumendüften im 18. Jahrhundert bis zu den heutigen klassischen Duftkategorien Floral, Citrus-Cologne und Fougère.
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Im 20. Jahrhundert etablierten sich Herrendüfte als eigene Kategorie mit ikonischen Lancierungen wie Caron Pour Un Homme und Old Spice, wodurch der Markt für Männerdüfte deutlich erweitert wurde.
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Über die Jahrzehnte hinweg haben klassische Düfte großer Mode- und Parfumhäuser die Duftwelt geprägt – von aromatischen Fougères bis hin zu maritimen und geschlechtsneutralen Trends, die sich stetig weiterentwickeln.
Bis ins 18. Jahrhundert hinein waren nahezu alle Parfums vom Typ Floral, also auf natürlichen, in Ölen extrahierten Blütendüften basierend. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatten sich hingegen die drei Duftkategorien herausgebildet, in die wir Parfums noch heute einteilen: Floral, Citrus-Cologne und Fougère.
Die Industrielle Revolution ermöglichte sowohl die Entwicklung künstlicher Duftstoffe als auch eine verbesserte Gewinnung natürlicher Essenzen. Auf diese Weise entstand auch die dritte Duftfamilie, Fougère, mit dem 1882 komponierten Fougère Royale aus Lavendel, Eichenmoos und dem synthetisch gewonnenen Duftstoff Cumarin. Neben neuen Duftprofilen wurden Parfums günstiger in der Herstellung und im Kauf. Vielleicht noch wichtiger: Sie ließen sich leichter standardisieren und transportieren – was die Parfumherstellung langfristig zu einer echten Industrie machte.
1920er & 30er Jahre
Die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg war weiterhin geprägt von kontinentalen Colognes und englischen Lavendeldüften. Ein berühmtes Beispiel ist das ungewöhnlich leichte und frische Acqua di Parma Colonia, das 1916 lanciert wurde und ursprünglich dafür gedacht war, auf dem Einstecktuch in der Brusttasche getragen zu werden.
Die 1920er Jahre brachten zudem einen Duft hervor, der die Parfumwelt nachhaltig verändern sollte. Zu dieser Zeit waren nahezu alle Parfums Unisex. Zwar wurden vereinzelt Düfte für bedeutende Persönlichkeiten komponiert – etwa als Creed 1845 einen Rosenduft für Königin Victoria schuf – doch grundsätzlich waren Parfums für beide Geschlechter gedacht. Dann jedoch geschah etwas:
It was what I was waiting for –
a perfume like nothing else.
A woman’s perfume,
with the scent of a woman."
— Coco Chanel über Chanel N° 5.
Mehr als zehn Jahre dauerte es, bis ein männliches Pendant entstand. 1934 brachte Caron „Pour Un Homme“ auf den Markt – mit Noten von Vanille und Lavendel über Amber und Zedernholz. Zwar gab es zuvor Rasierwässer für Männer, etwa von Proraso, doch nun erschien erstmals ein Produkt für Männer, bei dem der Duft – und nicht medizinische Eigenschaften – im Mittelpunkt stand. Der neue Duft wurde ein enormer Erfolg und schuf – wie Chanel N° 5 – einen völlig neuen Markt.
Zum Weihnachtsgeschäft 1938 ergänzte Shulton seinen Damenduft um eine männliche Version von Old Spice. Über 80 Jahre später zählt er noch immer zu den meistverkauften Herrendüften weltweit.
1940er & 50er Jahre
Nach dem Zweiten Weltkrieg wuchs der Markt für Herrendüfte weiter. Der steigende Hygienestandard führte dazu, dass viele Marken, die zuvor ausschließlich After Shaves mit medizinischem Fokus produzierten, ihr Konzept überdachten.
Zu den Klassikern zählen Floris No. 89 (1951), ein Woody Aromatic, den James Bond in Ian Flemings Romanen trägt, sowie Pino Silvestre (1955), eine Fougère-Komposition mit erfrischend klaren Noten. 1955 war auch das Jahr, in dem Chanel schließlich „Pour Monsieur“ – das männliche Gegenstück zu No. 5 – veröffentlichte.
Ein weiterer Klassiker ist Tabac Original (1959), für viele noch heute ein Symbol klassischer, ordentlicher Männlichkeit. Guerlain brachte 1958 seinen Vetiver heraus, geschätzt für sein maskulines Bouquet aus Zitrusnoten über kräftigem Vetiver, Moos und Tabak.
1960er & 70er Jahre
In den 1960er Jahren erschienen zahlreiche neue und spannende Düfte in Frankreich. Fabergés ikonisches Brut Pour Homme (1964) trug wesentlich dazu bei, Herrendüfte im Mainstream zu etablieren. Dior folgte 1966 mit Eau Sauvage, und Estée Lauder brachte 1964 Aramis auf den Markt. In den 1970ern begann die Welle der Designer-Düfte für Männer. Herrendüfte – nun oft als Cologne bezeichnet – waren ein etabliertes Konzept. Neue synthetische Duftstoffe ließen den Markt nahezu explodieren. Besonders beliebt waren aromatische Fougère-Kompositionen mit würzigen Nuancen. Designer wie Paco Rabanne und Gucci folgten dem Beispiel von Chanel und Dior.
1980er & 90er Jahre
In den 1980ern drängten zahlreiche Designermarken auf den Duftmarkt. Calvin Klein lancierte „Calvin“, Armani „Pour Homme“, Hugo Boss „Number One“. 1985 erschien Creeds klassische Fougère Green Irish Tweed, die bis heute als Prominentenfavorit gilt. 1988 folgte Davidoff Cool Water – der erste wirklich maritime Herrenduft. Statt dominanter Zitrusnoten prägten nun Nadelholz, Minze und die Frische salziger Meeresluft das Bild.
„Cool Water revolutionierte die männliche Parfumkunst.“
— Roja Dove
In den 1990ern dominierten frischere Interpretationen. Kenzo Pour Homme (1991) verband würzige und maritime Elemente, Jean-Paul Gaultiers Le Male (1996) kombinierte orientalische Wärme mit Minzfrische. Das Jahrzehnt endete mit Chanels Allure Homme (1999), dessen Duftkomposition – ähnlich wie bei N° 5 – nicht in einzelne Elemente zerlegt werden kann.
2000er & 10er Jahre
Während etablierte Häuser ihre Positionen ausbauten, traten neue Herausforderer auf. Hermès sorgte 2006 mit Terre d’Hermès für Aufsehen, Paco Rabanne lancierte 1 Million (2008), und Creed modernisierte sein Image mit Aventus (2010). Düfte sind heute fester Bestandteil des modernen Lebens. Die Vorstellung, ein Herrenduft müsse orientalisch oder eine Fougère sein, verflüchtigte sich – ebenso wie die fast hundertjährige Idee, dass Männer- und Frauendüfte klar voneinander getrennt sein müssen.
Geschlechtsneutrale Düfte sind zum neuen Standard geworden. Mit fortschreitender Technologie, die neue natürliche Extraktionen ermöglicht, sowie personalisierten Duftkompositionen am Horizont wird deutlich: Die Zukunft der Parfumwelt verspricht außergewöhnlich spannend zu duften.