"the nose"
Alessandro Gualtieri – ein Außenseiter und Provokateur der Duftwelt
Die meisten Duftinteressierten sind wahrscheinlich schon einmal auf den Begriff „The Nose“ gestoßen – oder auf Alessandro Gualtieri, wie er eigentlich heißt. Als Schöpfer der Marken Nasomatto und Orto Parisi hat sich dieser exzentrische Italiener mit Wohnsitz in Amsterdam einen Namen als das enfant terrible der Parfümerie gemacht – jemand, der Grenzen auslotet und seinen eigenen Weg geht, um die Sinne herauszufordern.
Doch wer ist er wirklich?

Zusammenfassung
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Alessandro Gualtieri, bekannt als „The Nose“, ist ein provokativer Parfümeur, der traditionelle Regeln und Konventionen infrage stellt.
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Seine Düfte verzichten häufig auf offizielle Duftnoten und setzen stattdessen auf persönliche Interpretation.
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Parfüm wird als intuitive und künstlerische Praxis verstanden, geprägt von Experiment, Zufall und Emotion.
Vieles von Alessandro Gualtieris persönlichem Hintergrund liegt im Verborgenen – so wie er seine Parfums für sich selbst sprechen lässt, ohne sie zu erklären, bleibt auch er selbst eine Art Enigma, umgeben von einer bewusst aufgebauten Mythologie. Das Bild ist das eines Anarchisten der Duftwelt und eines agent provocateur, der seinen eigenen Weg geht und sowohl die Branche als auch dich als Konsumenten herausfordert. Bezeichnend ist daher, dass er sich auf seiner eigenen Website lediglich als The Nose bezeichnet. Indem er seine Kreationen ihre eigene Geschichte erzählen lässt, ohne die zugrunde liegenden Noten preiszugeben, eröffnet er Raum für deine eigenen Eindrücke und Assoziationen. Für Gualtieri ist Parfüm eine persönliche, künstlerische Reise – geprägt von Neugier und Entdeckung. Es geht darum, sich dem auszusetzen, von dem man glaubt, es nicht zu mögen.
Fest steht, dass er in Italien geboren und aufgewachsen ist, heute jedoch in Amsterdam lebt und arbeitet. Dort experimentiert er wie ein moderner Alchemist mit unterschiedlichsten Materialien. Zwischen Schläuchen, brodelnden Mixturen und blubbernden Reagenzgläsern im Stil eines „mad scientist“ entstehen Düfte, die oft zu olfaktorischen Meisterwerken werden. Er selbst betont, dass Zufall und der kreative Prozess die eigentlichen Schöpfer seiner Werke seien. Alessandro ist ein vielseitiger Künstler; auf seiner Website finden sich Filme, Performances und Installationen – und man könnte sich vorstellen, dass er ohne diese Ausdrucksformen tatsächlich verrückt werden würde.
Gualtieri wird zwar von Intuition geleitet, ist jedoch zugleich ein Perfektionist, der ein Produkt erst dann freigibt, wenn er vollständig zufrieden ist – und selbst dann nur widerwillig. Viele Marken und Partner haben dies erfahren. Ob Mythos oder Wahrheit – man sagt, dass er sich früh in der Branche als schwierig erwies und Mühe hatte, sich in konventionelle Strukturen einzufügen. Sein Weg in die Parfümerie begann, als er an einer deutschen Universität historische Methoden der Duftproduktion studierte. Seine ersten Jahre verbrachte er als Trainee und Mitarbeiter bei Marken wie Versace, Helmut Lang und Diesel, bevor er Düfte für MariaLux, Mediamatic und Morgane le Fay entwickelte. Doch der Wunsch, eigene Ideen umzusetzen, wurde immer stärker. Nach dem Aufbau eines Labors in Amsterdam nahm die Entwicklung seiner eigenen Marken Gestalt an – und die Welt war darauf nicht vorbereitet.
nasomatto
Mit Nasomatto – was so viel wie „verrückte Nase“ bedeutet – präsentierte Gualtieri im Jahr 2008 seine erste eigene Marke. Sie fiel sofort auf durch den Einsatz synthetischer Ambergris- und Moschusnoten, Ambroxan sowie Hölzern wie Patchouli und einen hohen Ölanteil von 30 Prozent. Die Duftnoten werden bewusst nicht offengelegt, dennoch sind klare Eindrücke vorhanden. Wenn Gualtieri über seine Düfte spricht, betont er häufig die Bedeutung der Spontaneität – wie die Parfums eine eigene „Intelligenz“ entwickeln und ihren eigenen Weg gehen.
Jeder Duft trägt seine eigene Aussage: Das holzig-würzige Duro mit Safran steht für das Maskuline und „Harte“, während Narcotic V mit dem Femininen, Verführerischen und Romantischen spielt. In Silver Musk entfaltet der weiße synthetische Moschus eine sinnliche, animalische Wirkung. Am meisten Aufmerksamkeit erhält wohl Black Afgano, das sowohl im Namen als auch im Charakter auf Haschisch anspielt – eine typische Provokation Gualtieris – auch wenn süße Lakritze eines der prägendsten Elemente ist.
Doch die Düfte sind nur ein Teil des Gesamtkonzepts. Die Identität zeigt sich auch in den kunstvoll gestalteten Verschlüssen, die den Charakter der jeweiligen Komposition widerspiegeln. So besteht der kantige Verschluss von Duro aus Wengeholz – einem schweren, markanten Material. Die zarte China White hingegen besitzt einen fragilen Porzellandeckel, der leicht zerbrechen kann – ein Symbol für die Zerbrechlichkeit des Menschen.

Im Jahr 2014 sollte Blamage das Nasomatto-Projekt abschließen, doch dazu kam es nicht. Zwei Jahre später erschien das heute äußerst beliebte Baraonda mit seiner süßen Whisky-Note, gefolgt von weiteren Veröffentlichungen wie Fantomas im Jahr 2020.
orto parisi
Im Jahr 2014 – im selben Jahr, in dem Nasomatto ursprünglich beendet werden sollte – lancierte „The Nose“ seine nächste Marke, Orto Parisi. Während Nasomatto verschiedene Richtungen einschlug, weist Orto Parisi eine klarere, rauchige DNA auf, in der Gualtieris Bestreben, dich an deine Grenzen zu führen, seinen Höhepunkt erreicht.

Die Düfte von Orto Parisi sind sehr beliebt, aber sie gefallen nicht jedem. Terroni erinnert an vulkanische Landschaften, während Seminalis und Stercus mit Körperlichkeit und Instinkt spielen. Megamare ist Gualtieris eigene Interpretation eines maritimen Duftes – natürlich mit einem unerwarteten Twist. So provokant die Beschreibungen auch klingen mögen, oft steckt ein Augenzwinkern dahinter. Seminalis überzeugt mit komplexen Noten von Tabak, Leder und Rauch, während Boccanera mit Schokolade und Tabak eine weichere, dunklere Alternative bietet.
Alessandro Gualtieri mag das Pendant der Parfümerie zu Salvador Dalí sein, doch hinter seiner bisweilen exzentrischen Vision verbirgt sich eine faszinierende Tiefe, die ihm eine stetig wachsende Anhängerschaft eingebracht hat. In seinen Kollektionen findet sich für fast jeden etwas – vorausgesetzt, man wagt es, Grenzen zu überschreiten und sich auf das Unbekannte einzulassen.